Im Sudan findet die schwerste humanitäre Krise der Welt statt. Bei unseren Rettungseinsätzen begegnen wir Betroffenen, die ihre Erfahrungen mit uns teilen.
Sudan im Fokus: "Ich möchte, dass die Stimme des Sudans gehört wird"
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Der Sudan, zerrissen durch Krieg, Hungersnot und Zwangsumsiedlungen, steht vor der schwersten humanitären Krise weltweit. Während die internationale Aufmerksamkeit leider sehr begrenzt bleibt, werden ganze Regionen belagert, Millionen von Menschen versetzt und Fluchtwege versperrt. Viele sudanesische Familien sitzen nun in Libyen fest, gefangen zwischen Krieg und Meer. Für SOS MEDITERRANEE ist diese Krise nicht weit entfernt. Bei vielen unserer Rettungseinsätze begegnen wir diesen Menschen und hören ihre Geschichten.
Warum Sudan? Etwa 5% der Menschen, die SOS MEDITERRANEE in 9 Jahren im zentralen Mittelmeer aus Seenot gerettet hat, sind sudanesischer Herkunft. Allein zwischen Januar und August 2025 haben wir mehr als 152 Menschen aus dem Sudan an Bord der Ocean Viking empfangen. Zuletzt ist die Zahl der Sudanes:innen, die das zentrale Mittelmeer Richtung Europa überqueren, erneut angestiegen. Diese Entwicklung geht mit dem Bürgerkrieg und der eskalierenden humanitären Notlage einher. Das afrikanische Land wird seit 2023 zerrüttet und die Notlage hat sich zuletzt dramatisch zugespitzt.
Die Flucht- und Vertreibungssituation im Sudan verdeutlicht, dass Menschen in der Regel innerhalb ihres Landes und in die Nachbarländer fliehen. Viele Sudanes:innen, die ins benachbarte Libyen fliehen, geraten jedoch in einen Kreislauf aus Ausbeutung und Gewalt. Diese Strukturen, die durch europäische Politik gestärkt werden, bringen die Betroffenen paradoxerweise in eine Lage, in der der gefährliche Weg über das Mittelmeer oft zur einzigen verbleibenden Option wird.
Um die Situation im Sudan einzuordnen, greifen wir auf Einschätzungen von Expert:innen, auf offene Daten und Berichte internationaler Organisationen vor Ort, sowie auf unsere eigenen Daten zurück. Vor allem aber hören wir die Geschichten einiger Sudanes:innen, die wir in den letzten Jahren bei uns an Bord empfangen haben. Ihre Stimmen, ihre Hoffnungen und Wünsche, ihr Leid und ihre Freuden sind bei Weitem der wichtigste „Datensatz“ in diesem Bericht: Menschen sind keine Zahlen und werden auch nicht nur durch ihre Lebensumstände definiert. Sie sind Musiker:innen, Ingenieur:innen, Künstler:innen, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern. Ihre Geschichten sind viel mehr als nur die Flucht. Und sie haben uns die Ehre erwiesen, uns einen Einblick in ihr Leben zu gewähren.
“Das Problem im Sudan muss von der Gesellschaft als Ganzes gelöst werden. Waffen sind keine Lösung. Ein Bürger sollte keine Waffen herstellen, um seine Brüder zu töten. Wenn ein Bürger doch zur Waffe greift, dann sollte seine Stimme die Waffe und der Stift sein Mittel sein.”
“Ich möchte, dass die Stimme des Sudans gehört wird. Wollen die Sudanesen Krieg? Möchten die vielen Verarmten Krieg? Nein, sie möchten studieren, ihren Abschluss machen, einen Job finden und ihr Land voranbringen.”
-Azim* ist ein junger Sudanese, der aus seinem Land floh.
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Sudans Weg in den Krieg: Ursprünge einer komplexen Krise
Der sudanesische Bürgerkrieg wird als die grösste humanitäre Krise der Welt bezeichnet. Doch trotz des enormen Ausmasses des menschlichen Leids wird er in den westlichen Medien weitgehend ignoriert und häufig von anderen Konflikten überschattet.
Wie konnte es so weit kommen – und was genau geschieht im Sudan? Am 15. April 2023 begannen bewaffnete Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee (SAF) und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF), die ursprünglich unter dem ehemaligen Diktator Omar al-Bashir gegründet wurden. Nach dem Sturz von al-Bashir im Jahr 2019 regierten General Abdel Fattah al-Burhan (SAF) und RSF-Führer Mohammed “Hemeti” Hamdan Dagalo übergangsweise zunächst gemeinsam den Sudan, lieferten sich jedoch zunehmend offene Machtkämpfe. 2021 endete der 2019 angestossene demokratische Transitionsprozess in einem Militärputsch. Die Spannungen zwischen den beiden Konfliktparteien wuchsen und eskalierten 2023 schliesslich zu einem offenen Krieg: Der Konflikt breitete sich schnell über Khartum und die Region Darfur aus.
Hinter der Gewalt steht auch ein Kampf um wirtschaftliche Macht: Die RSF profitiert vom Gold in Darfur, während die SAF den unter al-Bashir aufgebauten militärisch-industriellen Komplex kontrolliert. Zudem ist der Konflikt stark von ausländischen Interessen und konkurrierenden diplomatischen Bemühungen verschiedener Regionalmächte geprägt: ”Ausländische Mächte haben natürlich Einfluss”, erklärt Professor De Simone, Forscherin am Institut für Soziologie und Sozialforschung der Universität Trient und Professorin für Geschichte und Institutionen Afrikas. “Sie spielen eine wichtige Rolle, insbesondere was die Lieferung von Waffen und die Legitimität betrifft, die beide Seiten aus der Aufrechterhaltung internationaler Beziehungen ziehen können.”
Während Ägypten und Saudi-Arabien den sudanesischen Streitkräften näherstehen, unterstützen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die RSF mit Waffenlieferungen, so De Simone. Auch hier spielen wirtschaftliche Interessen eine zentrale Rolle.
Eine humanitäre Katastrophe
Die menschlichen Kosten dieses Bürgerkrieges sind erschütternd. Bereits in den ersten Kriegstagen wurden mehr als 2,2 Millionen Menschen innerhalb des Sudan vetrieben, oder flohen in Nachbarländer. Grosse Teile der Bevölkerung sind von einer akuten Hungersnot betroffen. Fast 25 Millionen Menschen, darunter mehr als 13 Millionen Kinder, benötigen lebensrettende Hilfsgüter, wie Wasser, Lebensmittel und Medikamente. Zahlreiche Notunterkünfte in Darfur sind von einer Choleraepidemie betroffen. Zusätzlich wird die Lage in Teilen des Landes durch Extremwetterereignisse weiter destabilisiert. Hilfsorganisationen vor Ort sprechen vor diesem Hintergrund von der “schlimmsten humanitären Notlage der Welt”.
In einem Bericht vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (UN) sprachen UN-Ermittler:innen im Oktober 2025 von einem “Krieg der Gewaltverbrechen”. Sie dokumentieren gezielte Angriffe auf Zivilist:innen durch die rivalisierenden Kräfte, darunter systematische Verfolgung, Vertreibung, Vergewaltigungen, Massenhinrichtungen, wahllose Bombardierungen und andere schwerste Menschenrechtsverstösse und fordern die Konfliktparteien zum Schutz der Zivilbevölkerung auf. Zudem drängen Menschenrechtsbeobachter:innen auf die Ausweitung des regionalen Waffenembargos in Darfur auf das gesamte Land und fordern den Einsatz einer unparteiischen Schutztruppe für Zivilist:innen.
„Ich liebe den Sudan so sehr. Ich wollte nie weggehen. Wir hatten gehofft, dass unser Land frei sein würde, aber der Krieg hat unsere Hoffnung zerstört.“ - Ali, 20 Jahre alt, gerettet am 02. August 2025
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Am 26. Oktober 2025 eroberte die RSF den letzten verbliebenen Militärsützpunkt in West-Darfur. Nach dem Vormarsch der RSF in der Region gab es zahlreiche Berichte über Massenmorde, Entführungen, sexualisierte Gewalt und ethnisch motivierte Angriffe auf Zivilist:innen. Am 9. November 2025 berichtete das Sudan Doctors Network, eine lokale medizinische Organisation, das Kampfer:innen der RSF Hunderte Leichen aus den Strassen von El-Fasher entfernt hatten. Nach Angaben der Organisation wurden viele der Opfer in Massengräbern verscharrt oder verbrannt. MSF dokumentiert systematische Gewaltverbrechen in der Umgebung von El-Fasher und im Lager Zamzam, wo eine Offensive der RSF innerhalb von weniger als drei Wochen etwa 400’000 Menschen zur Flucht zwang, während Belagerungstaktiken die Zivilbevölkerung von Nahrungsmitteln, Wasser und medizinischer Versorgung abschnitten.
“Ich will, dass die Welt weiss, was in El Fasher passiert. Denn wir Sudanesen – wir Bürger - stehen vor enormen Schwierigkeiten. Die Situation ist schrecklich. Ich weiss nicht, warum sich die Welt nicht für das interessiert, was wir im Krieg durchmachen. Die Menschen leiden sehr, weil es keinen Ausweg aus der Region gibt. Sie steht unter Kontrolle der Rapid Support Forces. Es gibt keinen Weg, Lebensmittel hineinzubringen. Jetzt sterben die Menschen an Hunger. In den Lagern ist die Situation schlimm: Es ist so schmutzig, dass viele Krankheiten ausbrechen.” - Yes, 18 Jahre alt, gerettet am 02. August 2025
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Die Notlage im Sudan ist systemisch: Zivilist:innen werden gejagt und vertrieben, Kranke stehen vor zusammenbrechenden Kliniken und unsauberem Wasser, und eingeschlossene Familien geraten durch Belagerungen in akute Unterernährung. Zugleich verschärfen Starkregen und Dürre die ohnehin schon katastrophale humanitäre Situation im ganzen Land. Globale Finanzierungseinbrüche im humanitären Sektor haben vor diesem Hintergrund dramatische Konsequenzen für die sudanesische Bevölkerung. Humanitäre Organisationen sprechen von einer humanitären Krise von beispiellosem Ausmass.
Mit fast 13 Millionen Vertriebenen ist die Situation im Sudan eine der grössten Vertreibungskrisen der Welt. „Etwa 10 Millionen Menschen sind Binnenvertriebene und leben in Lagern innerhalb des Landes, dazu kommen über vier Millionen Geflüchtete in Nachbarländern, insbesondere in Ägypten, im Tschad und im Südsudan – den Ländern, die direkt an den Sudan grenzen“, erklärt Professorin De Simone.
"Ich habe mein anderes Kind bei meinem kranken Vater im Sudan gelassen, wir konnten nicht beide mitnehmen."
-Mouna
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Auswirkungen auf den Mittelmeerraum
Die massenhafte Vertreibung von Zivilist:innen führt unweigerlich dazu, dass ein Teil der Menschen in unsichere Länder wie Libyen fliehen muss. In Libyen geraten flüchtende Menschen jedoch in einen endlosen und gut dokumentierten Kreislauf aus Gewalt, Erpressung, Sklaverei und willkürlicher Inhaftierung.
“Als ich nach Libyen kam, fand ich mich in der Hölle wieder. Man kann sich dort nicht frei bewegen. Es ist wie ein grosses Gefängnis. Wenn man hineingeht, kommt man nicht wieder heraus. Es gibt keinen Weg hinaus. Libyen ist ein gefährlicher Ort – das wissen wir alle. Aber die meisten Menschen haben einfach keine andere Wahl.” - Ali, gerettet am 02. August 2025
Die ausweglose Situation in Libyen zwingt viele dieser Menschen früher oder später dazu, mangels sicherer Alternativen den gefährlichen Weg über das Mittelmeer anzutreten.
“In Libyen war die Situation sehr instabil. Auch dort hatte ich Probleme: Ich wurde ohne Grund für 13 Tage eingesperrt.” - Jamal, 22 Jahre alt, gerettet am 02. Juli 2025
Libyen ist kein sicherer Ort für Menschen auf der Flucht. Zuletzt führten libysche Behörden immer wieder Massenabschiebungen sudanesischer Geflüchteter durch. Erst kürzlich wurden 700 Sudanes:innen im Rahmen einer Razzia gegen Menschenhandel kollektiv ausgewiesen.
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Europäischer Einfluss: Destabilisierung in den Diensten der Grenzkontrolle?
Verschiedenen Quellen zufolge beteiligte sich auch die EU bereits Anfang der 2010er Jahre an der Finanzierung und Ausbildung militärischer Einheiten des ehemaligen Diktators al-Bashir, darunter auch der RSF, um Migration aus Ländern am Horn von Afrika zu unterbinden.
Die sudanesische Strategie zur “Eindämmung von Migrationsströmen” im Auftrag Europas äusserte sich vor allem in rücksichtslosem und gewaltsamem Vorgehen der RSF gegen ausländische Migrant:innen. “Ein Grossteil der von der EU finanzierten Trainings und Ausrüstung ist doppelt einsetzbar. Die Ausrüstung, die die Identifikation und Registrierung von Migrant:innen ermöglicht, stärkt auch die Überwachungskapazitäten einer sudanesischen Regierung, die seit 28 Jahren sudanesische Bürger:innen gewaltsam unterdrückt. Angesichts anhaltender bewaffneter Aufstände von Regimegegner:innen, die gegen die chronische Ungleichheit bei der Verteilung des nationalen Reichtums und der politischen Macht in den Randregionen protestieren, hat sich die sudanesische Regierung stets auf eine Vielzahl von Milizen verlassen, um Aufstände zu bekämpfen“, heisst es in einem Bericht des renommierten internationalen Konfliktexperten Suliman Baldo aus dem Jahr 2017, der sich eingehend mit dieser kaum beachteten Partnerschaft befasst.
Hat diese Politik dazu beigetragen, die RSF zu stärken? Hat sie eine Rolle bei ihrem späteren Aufstieg zur Macht gespielt? Verschiedene Berichte und Einschätzungen von Expert:innen geben zumindest Anhaltspunkte dafür. Die Europäischen Massnahmen könnten somit ein weiterer Faktor sein, der zum Leid und zur Entscheidung einiger Sudanes:innen beigetragen hat, ihr Land zu verlassen und schliesslich über das Mittelmeer zu fliehen.
Wenn sich alle Türen schliessen, ist die Überquerung des Meeres oft der einzige Weg, um zu überleben. Wir sind im Mittelmeer präsent, weil sich die Regierungen zurückgezogen haben. Der Krieg im Sudan zeigt, wie tödlich Gleichgültigkeit sein kann. Wenn Such- und Rettungsschiffe an ihrem Einsatz gehindert werden oder Menschen gewaltsam nach Libyen zurückgeschickt werden, dann wendet sich Europa von denen ab, die in Sicherheit leben wollen.
Niemand sollte sein Leben riskieren müssen, um in Sicherheit zu leben.
Bilder:
Titelbild : Hannah Wallace Bowman / MSF
Fotos im Artikel: Tess Barthes, Camille Martin Juan / SOS MEDITERRANEE
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