Samuel & Patience: «In Libyen stehen deine Chancen 50 zu 50. Entweder du überlebst oder du stirbst.»
Patience und Samuel mussten aus Biafra fliehen, einer separatistische Region Nigerias, in der Samuels Leben bedroht war.
Samuel & Patience: «In Libyen stehen deine Chancen 50 zu 50. Entweder du überlebst oder du stirbst.»
Samuel & Patience
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Rettungsdatum
Alter


Samuel und Patience stammen aus Biafra, einer Region im Südosten Nigerias, die sich 1967 für unabhängig erklärte. Von 1967 bis 1970 war Biafra unabhängig. Danach eroberte die nigerianische Armee das Gebiet in einem Krieg zurück, bei dem rund zwei Millionen Menschen ums Leben kamen.
Auch heute kämpfen verschiedene Gruppen für die Unabhängigkeit Biafras. Dabei kommt es immer wieder zu Gewalt gegen Menschen mit anderen politischen Meinungen.
Samuels Eltern wurden von nigerianischen Soldaten getötet. Die Soldaten setzten auch sein Haus in Brand. Samuel erlitt dabei schwere Verbrennungen.
«Biafra liegt in Nigeria und will sich von Nigeria abspalten.
Dort beginnen die Probleme.
Die Soldaten, die nigerianischen Soldaten, haben angefangen, uns anzugreifen.
So habe ich meine Eltern verloren.
Sie haben unser Haus angezündet.
Das Feuer hat einen Teil meines Körpers verbrannt.
Wir waren mehrere Monate ohne Zuhause.»

Samuel und Patience haben drei Kinder, die noch in Nigeria leben. Doch Samuels Leben war in Gefahr und er musste das Land verlassen.
Ein Nigerianer versprach ihm Sicherheit und Arbeit. Stattdessen wurde Samuel betrogen und dazu gebracht, durch die Wüste nach Libyen zu reisen. Dort wurden Samuel und Patience getrennt. Beide mussten arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden. Sie wussten nie, wo sich der andere befand.
Nachdem Patience aus dem Ort fliehen konnte, an dem sie festgehalten wurde, fanden die beiden wieder zusammen.
«Libyen.
Es ist kein Land, in dem man gut leben kann.
Du setzt dein Leben aufs Spiel.
Du hast eine Chance von 50 zu 50.
Entweder du überlebst oder du stirbst.
Libyen ist ein Ort des Leidens.
Wer nach Libyen kommt, wird wie ein Sklave behandelt.»

Patience wurde schwanger. Als die Geburt begann, wurde sie von drei Spitälern abgewiesen. Sie sagt, dass sie wegen ihrer Hautfarbe in den Spitälern abgewiesen wurde. Schliesslich musste sie alleine auf der Rückbank eines Taxis gebären.
«Mein Baby kommt.
Ich muss pressen, sonst verliere ich es.
Ich habe im Auto geboren.
Ich habe ganz alleine geboren.
Mein Mann sitzt vorne beim Fahrer.
Ich bin alleine hinten.
Dann habe ich mein Baby zur Welt gebracht.
Ich sagte zu meinem Mann: «Das Baby ist da!»
Sie waren sehr überrascht.
Als sie das Baby weinen hörten, sagten sie: «Wann? Wie?»
Ihrem Sohn wurden im Spital die notwendigen Impfungen verweigert.

Ihr kleiner Sohn heisst Praise.
Die Familie wurde mehrmals angegriffen und ausgeraubt. Als ihnen angeboten wurde, Libyen mit einem Boot zu verlassen, sahen sie darin ihre einzige Chance.
Sie stiegen während eines Sturms in ein Schlauchboot. Die Wellen waren bis zu fünf Meter hoch und der Wind war stark. Sie hatten weder Wasser noch Essen an Bord. Schliesslich ging ihnen auch der Treibstoff aus.
«Ich habe geweint.
Nicht, weil ich Angst hatte zu sterben, sondern weil ich Angst um mein Baby hatte.
Mein Baby war schwach.
Alle waren schwach.
Seit zwei Tagen hatten wir nichts gegessen.
Kein Essen, kein Wasser.
Wenn wir weiterfahren, werden alle sterben.»

Nach zwei Tagen auf See sahen sie Lichter. Sie hofften, dort Schutz zu finden, weil ihr Boot nicht mehr weiterfahren konnte. Es war die Offshore-Gasplattform Miskar in Tunesien. Die Plattform liegt in der gemeinsamen Such- und Rettungszone von Tunesien und Malta.
Die Arbeiter halfen ihnen, auf die Plattform zu gelangen. Die Frauen durften sich drinnen aufhalten, während die Männer draussen im Sturm schlafen mussten. Samuel und Patience erzählen, dass die Arbeiter ihr Bestes taten und ihnen Essen gaben.
Sie blieben vier Nächte und fünf Tage auf der Plattform, bevor sie von der Ocean Viking gerettet wurden. Sie waren sehr erleichtert, endlich in Sicherheit zu sein.
Insgesamt rettete die Ocean Viking 116 Menschen. Darunter waren 39 unbegleitete Minderjährige, 13 Frauen, ein Kind und zwei Babys. Die Menschen stammten von zwei verschiedenen Booten, die auf der Plattform Schutz gesucht hatten.
Samuel erzählt, dass er auf der Ocean Viking zum ersten Mal seit Jahren wieder schlafen konnte. In Libyen hatte er ständig Angst, angegriffen zu werden. Die Crew an Bord behandelte ihn so gut, wie es früher seine eigenen Eltern getan hatten.
An Bord war Praise ein fröhliches Baby. Er liess sich von allen auf den Arm nehmen und brachte Freude auf das Schiff.

Bilder: Ville Maali / SOS MEDITERRANEE
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