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Das Recht auf einen würdevollen Abschied: Wenn die Zivilgesellschaft eine staatliche Aufgabe übernimmt.

October 26, 2026

Wie Familien und die Zivilgesellschaft Vermisste identifizieren und in ihre Heimat zurückbringen.

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Das Recht auf einen würdevollen Abschied: Wenn die Zivilgesellschaft eine staatliche Aufgabe übernimmt.

October 26, 2026

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Am 17. Mai 2026 wurde der Leichnam von Teosil*, einem Mann aus Bangladesch, in Ravenna, Italien, an Land gebracht. Vier Monate später, am 19. September, kehrte er endlich zurück nach Hause. Seine Familie und seine Angehörigen konnten ihn dort würdevoll beerdigen.

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Vier Monate lang übernahm einmal mehr die Zivilgesellschaft Aufgaben, für die eigentlich die europäischen Staaten verantwortlich wären. Diese versäumen es weiterhin nicht nur, Menschen auf See zu retten, sondern auch dafür zu sorgen, dass die Leichname Verstorbener geborgen, identifiziert und in Würde in ihre Heimat zurückgebracht werden.

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Dass Teosil nach Hause zurückkehren konnte, ist dem beharrlichen Einsatz seiner Familie, der bangladeschischen Gemeinschaft in Ravenna, Mem.Med (einer Organisation zur Unterstützung von Familien vermisster oder im Mittelmeer verstorbener Menschen) und SOS MEDITERRANEE zu verdanken

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Am 13. Mai 2026 rettete die Crew der Ocean Viking 56 Männer aus einem überladenen Boot in der libyschen Such- und Rettungsregion. Sie waren einen Tag zuvor von Al-Khoms aus aufgebrochen. Unter den Menschen in Seenot war auch Teosil, ein Mann aus Bangladesch Mitte 40, der leblos an Bord aufgefunden wurde. Das medizinische Team an Bord der Ocean Viking unternahm umfangreiche Wiederbelebungsversuche. Doch Teosil konnte nicht gerettet werden. Nach Einschätzung des medizinischen Teams deuteten körperliche Befunde darauf hin, dass er vor seinem Tod möglicherweise Gewalt ausgesetzt war. Dies stimmte mit den Aussagen der geretteten Menschen überein, die mit ihm unterwegs gewesen waren.

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Nachdem Teosils Leichnam an Land gebracht worden war, arbeitete Mem.Med eng mit der bangladeschischen Gemeinschaft in Ravenna zusammen. Gemeinsam nutzten sie die Netzwerke der Diaspora, um seine Familie in Bangladesch ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Nachdem sie seine Angehörigen gefunden hatten, koordinierte Mem.Med die weiteren Schritte mit den örtlichen Behörden in Ravenna, um die Identifizierung voranzubringen. Durch einen visuellen Abgleich aus der Ferne konnte Teosils Familie seine Identität bestätigen. So konnte sein Leichnam nach Bangladesch überführt und dort am 19. September beerdigt werden.

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Doch Teosils Tod war keine unausweichliche Tragödie. Er war eine Folge politischer Massnahmen, die keine sicheren Fluchtwege ermöglichen und Rettungsbemühungen systematisch behindern, um Überfahrten abzuschrecken. Dadurch werden Menschen auf lebensgefährliche Routen über das Mittelmeer gezwungen.

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Die Schwierigkeiten, mit denen Familien bei der Bergung und Identifizierung ihrer verstorbenen Angehörigen konfrontiert sind, zeigen ein weiteres, weniger sichtbares Versagen. In den seltenen Fällen, in denen Leichname geborgen werden, und den noch selteneren Fällen, in denen die Identität der Verstorbenen geklärt werden kann, fehlt es den Familien an klaren institutionellen Anlaufstellen. Sie wissen oft nicht, wo sie Informationen erhalten oder wie sie die Identifizierung und Rückführung ihrer Angehörigen organisieren können. Viele Familien leben im Ausland und verfügen nur über begrenzte finanzielle Mittel und Möglichkeiten, aus der Ferne zu kommunizieren. Europäische Staaten weisen die Verantwortung regelmässig von sich. So müssen sich die Familien allein durch komplexe bürokratische Verfahren kämpfen.

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Wie bei Teosil waren es auch in vielen anderen Fällen zivilgesellschaftliche Organisationen und Gemeinschaftsnetzwerke, die einsprangen, wo staatliche Institutionen versagten. Keine Familie sollte auf persönliche Kontakte, Spendenaktionen oder die freiwillige Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen angewiesen sein, um einen geliebten Menschen zu finden und zu identifizieren, seine Rückführung zu organisieren und ihm eine würdevolle Beerdigung zu ermöglichen.

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Vermisste zu suchen, Verstorbene zu identifizieren und ihren Familien Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen sowie eine würdevolle Bestattung zu ermöglichen, sind keine Akte der Nächstenliebe. Sie sind Menschenrechte. Jeder Mensch, der auf See stirbt oder verschwindet, muss erfasst werden. Die Identifizierung der Verstorbenen, die Benachrichtigung ihrer Familien und eine würdevolle Rückführung sind Aufgaben, denen Staaten nachkommen müssen.

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Seit 2014 sind laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mindestens 26'855 Menschen bei dem Versuch gestorben oder verschwunden, das Mittelmeer zwischen Nordafrika und Europa zu überqueren. Diese Zahl erfasst nur dokumentierte Fälle. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer und Vermissten dürfte deshalb deutlich höher liegen. Anfang dieses Jahres wurde der Sturm Harry mit Berichten über mehrere Hundert Menschen in Verbindung gebracht, die möglicherweise ums Leben gekommen oder verschwunden sind. Schätzungen zufolge könnten es beinahe 1'000 Menschen gewesen sein. Mehrere Boote waren im zentralen Mittelmeer in schwere Unwetter geraten.

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Auch im Sommer 2026 entdeckten und meldeten SOS MEDITERRANEE und andere Organisationen mindestens 17 Leichname, die im Meer gefunden oder an Land gespült worden waren. Häufig fehlten Informationen darüber, wer diese Menschen waren, mit welchem Boot sie unterwegs waren und unter welchen Umständen sie ums Leben kamen. In vielen dieser Fälle ist kein Bootsunglück bestätigt. Es gibt keine vollständige Erfassung der Vermissten und keine verlässliche Rekonstruktion der Ereignisse. Diese weitgehend undokumentierten Tragödien werden auch als «versteckte» oder «unsichtbare Bootsunglücke» bezeichnet. Sie gehören zu den am wenigsten sichtbaren Folgen der anhaltenden humanitären Krise im zentralen Mittelmeer.

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Zivilgesellschaftliche Organisationen übernehmen zunehmend Aufgaben, die Staaten im Umgang mit Todesfällen an den europäischen Seegrenzen nicht erfüllen. Neben der Durchführung von Rettungseinsätzen dokumentieren Nichtregierungsorganisationen, Gemeinschaftsnetzwerke, Anwält:innen und Familien häufig das Verschwinden von Menschen. Sie zählen die Todesopfer, sammeln Informationen über Bootsunglücke, unterstützen die Bergung und Identifizierung von Leichnamen und bewahren die Erinnerung an jene, die es nie ans Ufer geschafft haben. In vielen Fällen gleichen sie damit das Fehlen systematischer staatlicher Verfahren aus, mit denen Menschen erfasst werden, die auf den Migrationsrouten über das Meer ums Leben kommen.

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Teosils Familie hat heute zumindest Gewissheit und einen Ort, an dem sie trauern, sich erinnern und Abschied nehmen kann. Tausenden anderen Familien bleibt selbst das verwehrt. Ihre Angehörigen gelten weiterhin als vermisst, sind nicht identifiziert oder werden von Systemen im Stich gelassen, die ihre Würde nicht schützen konnten. Weder im Leben noch im Tod.

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Bilder: Mathieu Golinvaux / SOS MEDITERRANEE

Video: Marie Tihon / SOS MEDITERRANEE

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