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Ein Jahr nach dem Angriff auf die Ocean Viking bedroht eine wachsende Flotte libyscher Akteure weiterhin Menschen in Seenot und Rettungsschiffe - ohne Konsequenzen.

August 24, 2026

Ein Jahr nach den Schüssen der libyschen Küstenwache auf die «Ocean Viking» herrscht weiterhin Straffreiheit.

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Ein Jahr nach dem Angriff auf die Ocean Viking bedroht eine wachsende Flotte libyscher Akteure weiterhin Menschen in Seenot und Rettungsschiffe - ohne Konsequenzen.

August 24, 2026

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Vor einem Jahr wurde das humanitäre Rettungsschiff Ocean Viking von einem Boot der Klasse Houn 664 der libyschen Küstenwache schwer beschossen. An Bord waren 87 Menschen, die zuvor aus Seenot gerettet worden waren. Der Angriff beschädigte das Schiff stark und traumatisierte sowohl die Geretteten als auch die Besatzung. Und doch wurde bis heute - zwölf Monate später - niemand zur Verantwortung gezogen.

Anstatt den Angriff genauer zu untersuchen, wurden die europäischen Gelder, Schulungen und technische Unterstützung für genau jene libyschen Akteure ausgeweitet, die für diese Gewalt auf See verantwortlich sind. Diese Unterstützung trägt dazu bei, dass ein System aufrechterhalten wird, in dem Menschen abgefangen und gewaltsam nach Libyen zurückgebracht werden. Wie gut dokumentiert ist, sind sie dort Menschenrechtsverletzungen, willkürlichen Inhaftierungen, Ausbeutung und Gewaltausgesetzt.

Gleichzeitig gehen die Bedrohungen gegen Rettungsschiffe und Menschen in Seenot ungebremst weiter. Die Zahl der gefährlichen Manöver und gewaltsamen Aktionen durch libysche Akteure nimmt kontinuierlich zu und zudem steht ihnen eine immer grössere Anzahl von Booten zur Verfügung.

Verantwortungweiterhin nicht in Sicht

Nach dem Angriff hat SOS MEDITERRANEE rechtliche Schritte in Italien, Frankreich und Deutschland eingeleitet, um die Verantwortlichen zu identifizieren und Gerechtigkeit zu suchen. Auch wenn diese Verfahren Zeit benötigen, zeigt sich doch, dass die Forderungen nach politischer Verantwortung in den europäischen Hauptstädten auf taube Ohren stossen.

Das Schiff Houn 664, von dem aus geschossen wurde, hat die italienische Regierung den libyschen Behörden über SIBMMIL zur Verfügung gestellt. SIBMMIL ist ein von der EU finanziertes Programm zur Grenz- und Migrationskontrolle in Libyen. Dasselbe Schiff war bereits im Juli 2023 an einem Angriff auf die Ocean Viking beteiligt. Damals wurden während einer laufenden Rettung Schüsse abgegeben. Interne EU-Dokumente bestätigen inzwischen, dass die EU-Delegation in Libyen von diesem früheren Angriff wusste.

Untersuchungen von SOS MEDITERRANEE und IRPI Media zeigen, dass zwischen 2017 und 2025 mindestens 61,2 Millionen Euro aus europäischen Mitteln in Kooperationsprojekte mit libyschen Behörden geflossen sind. Fast die Hälfte des Programmbudgets konnte nicht vollständig nachvollzogen werden. [1] Obwohl es Prüfverfahren, Berichtspflichten und Vorgaben zum Schutz der Menschenrechte gibt, fehlt es weiterhin anausreichender Transparenz und Verantwortung beim Einsatz dieser Gelder.

Verfolgungsjagd auf See durch die libysche Küstenwache am 17. Juli 2026. Bild: Ania Gruca / SOS MEDITERRANEE

Europäische Zusammenarbeit wird ausgeweitet

Anstatt die Zusammenarbeit nach dem Angriff zu überprüfen, haben die europäischen Behörden ihre Kooperation mit den libyschen Behörden sogar noch weiter ausgebaut.

Im September 2025, nur einen Monat nach dem Angriff auf die Ocean Viking, schulte die EU-Operation IRINI 30 Mitglieder der libyschen Küstenwache. 15 von ihnen kamen aus Einheiten im Osten Libyens. [2] Weniger als ein Jahr später, im Juli 2026, bestätigte der EU-Botschafter in Libyen,dass die Vorbereitungen für die Einrichtung eines Seenotrettungszentrums in Bengasi abgeschlossen waren. Das Zentrum wird von Italien und Malta finanziert. [3]

Diese Entwicklungen zeigen eine Politik, in der die Kontrolle von Migration weiterhin im Mittelpunkt steht. Dies geschieht trotz wiederholter Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Abfangen und Zurückbringen von Menschen nach Libyen.

Am 24. August 2025 wurden auf der Brücke der «Ocean Viking» Kugeln gefunden. Bild: Max Cavalleri / SOS MEDITERRANEE

Eine wachsende und immer gefährlichere Präsenz auf See

Die Straflosigkeit, die weitere Finanzierung und die politische Legitimierung haben sowohl für Menschen, die das Mittelmeer überqueren wollen, als auch für NGOs, die versuchen, Leben zu retten, konkrete Folgen.

Die Luftüberwachungsmission Albatross von SOS MEDITERRANEE hat eine zunehmende Zahl nicht gekennzeichneter Schnellboote dokumentiert. Die Boote werden von nicht identifizierten libyschen Akteuren betrieben. Gleichzeitig sind neue Schiffe der libyschen Küstenwache hinzugekommen.

Laut IRPI Media verfügen libysche Akteureder Küstenwache und Milizen inzwischen über bis zu 97 Boote in einem Seegebiet, das sich bis zu 60 Seemeilen vor der libyschen Küste erstreckt. Diese Boote sollen zu 11 verschiedenen bewaffneten libyschen Gruppen gehören, darunter sowohl staatlich verbundene als auch private Akteure. [4]

Menschen in Seenot und zivile Rettungsschiffe scheinen für diese wachsende Flotte ein erlaubtes Ziel zu sein. Albatross hat zahlreiche gewaltsame Abfangaktionen dokumentiert, bei denen Menschenleben gefährdet wurden. In einem Fall schleppte ein nicht identifiziertes Schnellboot ein nicht seetüchtiges Schlauchboot zurück in Richtung Libyen – die Menschen in Seenot befanden sich weiterhin an Bord des Schlauchbootes.

In einem anderen dokumentierten Fall rammte ein Schiff der libyschen Küstenwache ein überfülltes Boot in Seenot, als es versuchte, einen sicheren Ort zu erreichen. Im Jahr 2023 war auch dieses Schiff zuvor von Italien gespendet worden.

Diese dokumentierten Fälle sind jedoch nur ein kleiner Teil dessen, was sich im Mittelmeer abspielt.  Jede erzwungene Rückführung nach Libyen verstösst gegen das Seerecht und gegen das Prinzip der Nicht-Zurückweisung. Dieses Prinzip verbietet es, Menschen an Orte zurückzubringen, an denen ihnen ernsthafte Gefahren drohen.

Vor kurzem kam eine neue und beunruhigende Entwicklung hinzu. Zwischen Juni und Juli 2026 näherten sich nichtidentifizierte Boote und Schiffe libyscher Behörden, darunter Schiffe der libyschen Küstenwache, mindestens sieben Mal mit hoher Geschwindigkeit Schiffen von Seenotrettungsorganisationen. Anschliessend folgten sie den Rettungsschiffen oder beobachteten sie über längere Zeit in internationalen Gewässern. Teilweise dauerte dies mehrere Stunden. Dabei wurden die Besatzungen aufgefordert, „nach Norden zu fahren“ oder einen Kurs von „000°“ zu halten.

Diese zunehmende Unsicherheit ist nicht nur eine geteilte Wahrnehmung der Seenotrettungsorganisationen. Im Mai 2026, nur wenige Tage vor dem Angriff auf das Rettungsschiff Sea Watch 5, setzte die deutsche zuständige Behörde für Schiffe unter deutscher Flagge die Sicherheitsstufe 2 nach SOLAS und ISPS für die gesamte libysche Seenotrettungszone fest. Dabei wurde ausdrücklich davor gewarnt, dass NGO Schiffe, die in die libysche Seenotrettungszone einfahren,„in gefährlichen Gewässern operieren“. [5]

Rettungseinsatz eines Schiffes der libyschen Küstenwache der Klasse 300, aufgenommen von der ALBATROSS UNO aus. Bild: Tess Barthes / SOS MEDITERRANEE

EU-Unterstützung finanziert ein gewalttätiges System und weist die Verantwortung für dessen Folgen zurück

Der Angriff auf die Ocean Viking hätte ein Wendepunkt sein müssen.

Er hätte eine unabhängige Untersuchung, klare Verantwortungsübernahme und eine Aussetzung der Unterstützung für die beteiligten Akteure auslösen müssen. Stattdessen war das vergangene Jahr von weiteren Bedrohungen, einem zunehmend feindlichen Umfeld für Rettungseinsätze und einer weiteren Ausweitung der europäischen Zusammenarbeit mit libyschen Akteuren zur Abschottung und Verhinderung von Migration geprägt.

Nach dem Angriff hat SOS MEDITERRANEE die Sicherheitsmassnahmen an Bord verstärkt, um die Besatzung, die Geretteten und das Schiff zu schützen. Wir haben unsere Abläufe angepasst und Gespräche mit Behörden in der gesamten Region geführt, um Spannungen abzubauen und Risiken zu verringern. Die Rechtslosigkeit im zentralen Mittelmeer lässt sich jedoch nicht allein durch humanitäres Risikomanagement lösen.

Deshalb werden wir weiterhin dafür kämpfen,die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Wir haben mit EU-Vertretern gesprochen, darunter mit der EU-Kommission und dem EU-Parlament. Wir haben offizielle Beschwerden eingereicht und uns an die relevanten Stellen der Vereinten Nationen gewandt, darunter an Sonderverfahren, das Expertengremium für Libyen und den Sanktionsausschuss des UN-Sicherheitsrates für Libyen. Gemeinsam mit anderen Organisationen der Zivilgesellschaft haben wir ausserdem öffentlich gefordert, dass die EU ihre Zusammenarbeit mit den libyschen Behörden aussetzt.

Trotz zunehmender Bedrohungen auf See, der schwierigen Suche nach den Verantwortlichen, undurchsichtigen Finanzierungswegen und schwer zugänglichen Beschwerdemechanismen haben die vergangenen zwölf Monate dazu geführt, dass wir noch entschlossener unsere Mission verfolgen Menschenleben zu retten und Menschenrechtsverletzungen auf See zu dokumentieren.

Wir haben die Luftüberwachungsmission Albatross ins Leben gerufen und machen weiterhin auf die menschlichen Folgen der europäischen Abschottungspolitik aufmerksam. Die Ocean Viking kehrte nach Abschluss der Reparaturen so schnell wie möglich aufs Meer zurück. Ihre Besatzung rettet auch heute immer wieder Menschenleben.

Die erschütternde Realität ist jedoch, dass allein in diesem Jahr mindestens 910 Menschen im zentralen Mittelmeer gestorben sind oder vermisst werden. Erst vor wenigen Tagen entdeckte Albatross innerhalb weniger Tage 17 Leichen im Meer.

Die europäischen Behörden verfügen über die Mittel, um Menschen in Seenot zu erkennen und ihnen zu helfen. Sie können auch die Leichen von Menschen, die auf See gestorben sind, bergen und identifizieren. Jeder gefundene Leichnam war ein Mensch mit einem Namen, einer Geschichte und Angehörigen, die auf Antworten warten. Niemand sollte auf diese Weise verschwinden. Und diese Todesfälle dürfen nicht zur Normalität an den Grenzen Europas werden.

Ein Jahr später sind humanitäre Rettungsorganisationen weiterhin auf See und in der Luft im Einsatz. Wir können nicht zulassen, dass im Mittelmeer internationales Recht, Verantwortung und Menschlichkeit keine Rolle mehr spielen.

Quellen:

[1] IrpiMedia: Fundingviolence: The hidden cost of European policies in Libya, March 2026, accessed 29.07.26.

[2] Parliamentary question- E-000334/2026: Training of eastern Libyan non-state militias as part of EUNAV FOR MED IRINI, 28.01.26, accessed 30.07.26.

[3] EU Ambassador to Libya Nicola Orlando, X post, 30 July 2026, accessed 07 August 2026. https://x.com/nicolaorlando/status/2082892397155848521

[4] IrpiMedia: Quante navi ha davvero la Libia nel Mediterraneo centrale, 29.07.26, accessed 29.07.26.

[5] Bundesministerium des Innern: SOLAS-Gefahrenstufe 2 für libysche Gewässer, accessed 14.08.2026.

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