11 Leichen gesichtet, zwei gewaltsame Abfangaktionen: Die dramatischen Folgen der EU-Unterstützung aus der Luft dokumentiert
Die elf Leichen im Meer sind kein Zufall, sondern die Folge bewusster politischer Entscheidungen auf europäischer Ebene.
11 Leichen gesichtet, zwei gewaltsame Abfangaktionen: Die dramatischen Folgen der EU-Unterstützung aus der Luft dokumentiert
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Pressemitteilung und Stellungnahme
14.08.2026
Heute machte die Crew der Albatross während eines Beobachtungsflugs über dem zentralen Mittelmeer eine erschütternde Entdeckung: Im Meer trieben die Körper von 11 Menschen, die sich bereits in einem fortgeschrittenen Verwesungszustand befanden. Die Albatross ist das gemeinsame Luftbeobachtungsflugzeug von SOS MEDITERRANEE und der Humanitarian Pilots Initiative (HPI). Als das Flugzeug tiefer kreiste, konnte die Crew weitere Einzelheiten erkennen: Einige der Toten trugen noch ihre Kleidung, andere wurden von Reifenschläuchen über Wasser gehalten.
Während die Umstände und der Zeitpunkt des Schiffsunglücks weiterhin unbekannt sind, führt uns dieser Fund die menschlichen Folgen der tödlichen europäischen Abschreckungspolitik und der Gleichgültigkeit drastisch vor Augen. Er reiht sich in die wachsende Zahl von Menschenleben ein, die auf dieser Route verloren gehen. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit Beginn dieses Jahres mindestens 872 Menschen gestorben oder gelten als vermisst – ein Anstieg um 24 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum 2025, als mindestens 702 Todesfälle dokumentiert wurden. Diese Todesfälle sind keine tragischen Unfälle, sondern das vorhersehbare Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen. Seit mehr als einem Jahrzehnt ziehen sich die EU-Staaten aus ihrer Verantwortung für die Seenotrettung zurück und behindern und kriminalisieren gleichzeitig systematisch die zivile Seenotrettung. Zugleich macht die fortgesetzte Unterstützung der libyschen Küstenwachen – unter anderem durch die Bereitstellung von Ressourcen, Ausbildung und Ausrüstung – die Überfahrt für die Menschen, die sie wagen, noch gefährlicher.
Es erreichen zwar weniger Menschen Europa über das zentrale Mittelmeer, aber gleichzeitig verliert ein grösserer Anteil von ihnen auf dem Weg dorthin ihr Leben. Die Zahl der Menschen, die Italien erreichen, ist um 56 Prozent zurückgegangen – eine Zahl, die von der italienischen Regierung häufig als Beleg für den Erfolg ihrer Migrationspolitik angeführt wird. Doch der Rückgang der Ankünfte hat die Überfahrt nicht sicherer gemacht: Die geschätzte Sterblichkeitsrate liegt inzwischen bei fast 3 %.[1] Das bedeutet, dass ungefähr einer von 35 Menschen, die die Überfahrt versuchen, stirbt oder aber als vermisst gilt. Diese Zahlen zeigen, dass weniger Abfahrten nicht weniger Todesfälle bedeuten, sondern vielmehr ein immer höheres Risiko für das Leben derjenigen, die sich weiterhin auf den Weg machen.
Dies ist nicht das einzige Zeichen für die sich verschlechternde Sicherheitslage auf See. In den vergangenen Monaten hat unsere Luftbeobachtungsmission in internationalen Gewässern eine zunehmende libysche Präsenz festgestellt – darunter nicht gekennzeichnete Schnellboote und neue Schiffe der libyschen Küstenwache. Dabei beobachteten wir bedrohliches oder einschüchterndes Verhalten gegenüber Such- und Rettungsschiffen sowie Menschen in Seenot. Zwei Vorfälle, die unsere Crew kürzlich direkt beobachtet hat, verdeutlichen dieses Muster.
Am 12. August beobachtete die Albatross während eines Flugs über dem zentralen Mittelmeer innerhalb einer Stunde zwei Abfangaktionen durch libysche Akteure. Um 12:42 Uhr hatte die Crew ein blaues Holzboot mit etwa 50 Menschen an Bord gesichtet, darunter drei Frauen. Das Boot trieb ohne lebensrettende Ausrüstung auf dem Meer. Um 16:39 Uhr beobachtete die Crew der Albatross zwei nicht identifizierte Festrumpfschlauchboote (RHIBs) vor Ort: Eines schleppte das inzwischen leere Holzboot ab, und das andere hatte die bereits aufgenommenen Menschen an Bord.
Weniger als eine Stunde später, um 17:34 Uhr, beobachtete die Albatross in derselben Region eine zweite gewaltsame Abfangaktion. Betroffen war ein schwarzes, überfülltes Schlauchboot mit etwa 30 Menschen an Bord, darunter Kinder und Babys. An Bord war keine lebensrettende Ausrüstung zu erkennen. Das Boot war in der libyschen Such- und Rettungsregion nördlich von Tripolis, als die Crew beobachtete, wie sich ein Patrouillenschiff der libyschen Küstenwache der Klasse TS 300 mit hoher Geschwindigkeit näherte.
Nach Angaben von SOS Humanity befand sich das Rettungsschiff Humanity 1 in der Nähe und wäre in der Lage gewesen, den Menschen in Seenot zu helfen. Stattdessen wurde es von der libyschen Küstenwache angewiesen, das Gebiet zu verlassen und nach Norden zu fahren.
Das Patrouillenschiff verfolgte das Schlauchboot anschliessend rund 40 Minuten lang und führte dabei eine Reihe aggressiver und gefährlicher Manöver durch. Es rammte das Schlauchboot mehrfach und versuchte während der Fahrt, es mit einem Seil festzubinden. Dadurch wurden das Leben der Menschen an Bord sowie die Stabilität des Bootes gefährdet, bevor die Abfangaktion schliesslich abgeschlossen wurde.
Das Patrouillenschiff der Klasse TS 300 wurde den libyschen Behörden im Rahmen von SIBMMIL zur Verfügung gestellt, dem wichtigsten von der EU finanzierten Programm für Grenz- und Migrationsmanagement in Libyen. Wenn von der EU finanzierte Schiffe bei gewaltsamen Vorfällen wie diesem eingesetzt werden, stellen sich Fragen nach der Verantwortung- Fragen, auf die die europäischen Institutionen bislang keine Antwort geben wollen. Ohne Rechenschaftspflicht ist davon auszugehen, dass sich solche Vorfälle wiederholen werden.
Crédit photo : Camille Martin Juan / SOS MEDITERRANEE
[1] Diese Sterblichkeitsrate wird anhand von Daten zu Ankünften (UNHCR), Todesfällen und Vermisstenfällen (Missing Migrants Project der IOM) sowie Abfangaktionen (IOM Libya) berechnet. Die Daten zu Abfangaktionen sind begrenzt: Die tunesischen Behörden veröffentlichen seit Juni 2024 keine entsprechenden Daten mehr, und die jüngsten über IOM Libya verfügbaren Daten zu Abfangaktionen durch libysche Behörden reichen lediglich bis zum 25. Juli. Die Berechnung stützt sich daher auf die aktuellste verfügbare Schätzung für diesen Zeitraum. Da allgemein davon ausgegangen wird, dass die Zahlen der IOM die tatsächliche Zahl der Todes- und Vermisstenfälle auf See unterschätzen, dürfte die tatsächliche Sterblichkeitsrate höher liegen als diese Schätzung.
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